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Riccardo Troia

In der Serie  "Wo Zitronen bluten" setzt sich Riccardo Francesco Troia (geb. 1999) mit seiner Herkunft und Erinnerung auseinander, wobei Sferracavallo, ein kleiner Küstenort bei Palermo und Heimatort seines Vaters, als Ausgangspunkt dient. Aus seinen Archivbildern und neuen fotografischen Experimenten entwickelt er eine fragmentierte visuelle Erzählung, die Erinnerungen mit der sizilianischen Landschaft und Kultur verwebt. Die Bilder zeigen eine subjektive, durch Erinnerungen veränderte Realität, in der Vergangenheit mit persönlicher Wahrnehmung und Fiktion verschmilzt.

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Wo Zitronen bluten

Es gibt Ausstellungstitel, die haften bleiben. Weil sie poetisch sind. Weil sie weh tun. Weil sie verwirren. Weil sie ein Gefühl in uns auslösen, das schwer in Worte zu fassen ist. „Wenn Zitronen bluten“ – dieser Titel von Riccardo Troia hat mich sofort getroffen.

Zitronen – das sind Bilder von Sommer, Licht, Süden.

Der Geschmack von Kindheit, von Ferien, von Sonne auf der Haut und Wasser an den Füssen. Eine Frucht, die Frische und Leichtigkeit verkörpert. Aber wenn Zitronen bluten, wird dieses Bild gebrochen. Dann wird aus der Frucht des Südens ein Symbol der Wunde. Ein Riss zieht sich durch das Selbstverständliche. Es zeigt: Nicht alles ist so leicht, wie es scheint. Nicht alles

ist heil, wo es duftet. Riccardo Troia führt uns mit seinen Fotografien in seinen Heimatort Sferracavallo bei Palermo. Doch er tut das nicht als romantischer Reiseführer, nicht als jemand, der uns Sehnsucht nach dem Süden verkaufen will. Er tut es als fragender Beobachter, als jemand, der dort Erinnerungen trägt – schöne, aber auch widersprüchliche. Seine Arbeiten erzählen

von Nähe und Distanz, von Vertrautheit und Fremdheit, von dem, was bleibt, und dem, was schmerzt.

Seine Fotografien wirken zunächst vertraut. Sie erinnern an Bilder, wie wir sie aus Familienalben kennen könnten: Landschaften, Szenen, Menschen. Doch Troia belässt es nicht dabei. Er legt Fremdkörper in die Bilder. Störungen. Brüche. Er verändert, inszeniert, überlagert. Er verwebt das Erinnerte mit dem Erspürten. Dadurch kippt die Stimmung: vom Bekannten ins Unheimliche, vom scheinbar Klaren ins Offene.

Was entsteht, ist keine nostalgische Hommage an den Süden, sondern eine vielschichtige, ehrliche Auseinandersetzung mit Herkunft und Identität. Troia macht sichtbar, dass Erinnerung nicht statisch ist, sondern immer in Bewegung, immer im Dialog mit dem Heute. Dass er, obwohl noch in Ausbildung an der ECAL, bereits mit solcher Tiefe und formaler Klarheit arbeitet, ist beeindruckend. Seine Bildsprache ist präzise, reduziert und doch voller Nuancen. Sie zeugt von einem jungen Künstler, der seine Mittel kennt und souverän einsetzt – aber auch von jemandem, der hinschaut, wo es weh tut.

Riccardo Troia ist ein positiver Mensch, hell in seiner Ausstrahlung, offen in seiner Haltung.

Aber seine Kunst zeigt, dass er das Dunkle nicht verdrängt. Er akzeptiert den Schmerz, die Brüche, die Wunden – und verwandelt sie in Bilder von grosser Kraft.

Genau darin liegt die Bedeutung dieser Ausstellung: Sie lädt uns ein, hinter die Oberfläche zu schauen. Sie fordert uns heraus, das Schöne nicht nur im Licht, sondern auch im Riss, im Bruch, im Blut zu erkennen.

Helga Zumstein

Kuratorin KunstTank Simplon Dorf

Impressionen der Vernissage

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